Maria Beimel ist Lehrerin an der Domschule St. Marien und engagierte sich mit Schülerinnen und Schülern bereits im ersten Wettbewerb von „Fit in FAIR PLAY“.

„Fit in FAIR- PLAY“ Projektleiterin Angela Weiland sprach mit der Lehrerin und fragte nach, wie es heute mit dem Thema „Mobbing“ und „Gewalt“ aussieht, was man dagegen tun kann und was die Initiative der Schule bisher gebracht hat.

Angela Weiland (AW): Ist Mobbing und Gewalt an Schulen noch immer ein wachsendes Thema, so wie vor wenigen Jahren?

Maria Beimel (MB): Ich denke schon, dass es weiterhin Thema ist. Vielleicht nicht so konkret an unserer Schule, aber die Tendenz besteht, dass mal jemand ausgegrenzt wird oder dass die Andersheit eines Schülers nicht so akzeptiert wird. Schülerinnen und Schüler tendieren in Gruppen schnell dazu, jemanden auszuschließen, der sich nicht ganz so verhält, wie sie das gerne hätten. Diese Gefahr besteht leider immer. Dennoch ist das Bewusstsein darüber sicherlich größer geworden. Vor sechs, sieben Jahren war das Thema noch recht neu, besonders auch das Cybermobbing. Wenn man sich heute die ganzen Shitstorm-Geschichten ansieht, zeigt sich, dass auch mit der Technik sicherlich solche Ausgrenzungsmanöver vorkommen oder auch verstärkt werden. Aber das Bewusstsein, wie man damit umgeht, das ist auch größer geworden. Besonders auch wie Schulen oder wie Kollegen, wie Lehrer, wie Pädagogen darauf reagieren können. Die Sensibilisierung hat zugenommen. Daher denke ich, dass Sie damals mit Ihrer Aktion sehr im Trend oder am Zahn der Zeit gewesen sind.

Maria Beimel 02.jpg

AW: Diskutieren Schüler zusammen mit den Lehrern darüber?

MB: Nicht täglich aber wir sehen das schon auch als unsere Aufgabe an, als eine Erziehungsaufgabe, Schülerinnen und Schüler in den fünften, sechsten und siebten Klassen für das Thema zu sensibilisieren. Sie aufmerksam zu machen und eben auch durch kleine Projekte – zum Beispiel mit dem Antimobbingkoffer – den Umgang miteinander zu lehren. Dieses Gespür dafür ist nicht selbstverständlich. Und es wird für Schule nicht leichter. Gerade weil sehr viele Erziehungsaufgaben, besonders auch durch den Ganztagsschulbereich, an die Schulen abgegeben werden. Wir merken sehr stark, dass generelle Erziehungsaufgaben, die früher zu Hause geleistet wurden, heute vermehrt von Schule und Lehrern übernommen werden müssen. Da spielt auch dieses Verhalten untereinander mit Sicherheit eine Rolle.

AW: Was ist aus Ihrer Sicht das Schlimme an „Unfair-Play“ in der Schule?

MB: Wir haben auch Inklusionsschüler an unserer Schule, die im sozial-emotionalen Bereich und auch im Lernbereich eingeschränkt sind. Man merkt schon, dass auch dieser Umgang erst mal gelernt werden muss. Dass man respektvoll miteinander umgeht, das ist nicht für jeden selbstverständlich. Das muss erst gelernt werden. Solche Inklusionsschüler werden leider auch schon mal ausgegrenzt. Das ist gar nicht unbedingt etwas Großes, manchmal sind es so kleine Sticheleien im miteinander Umgehen. Da muss ich dann als Lehrerin sehr aufmerksam sein, um schnell zu agieren. Für Lehrer ist das wirklich eine zweite Schiene, ein zweites Programm, was immer mitläuft. 

AW: Was empfehlen Sie, wie soll man damit umgehen, wenn man als Schüler im Unterricht oder auf dem Schulhof gemobbt wird oder gehänselt?

MB: Unglaublich wichtig ist es, Vertrauenspersonen auch in der Schule zu haben. Wie ich schon beschrieben habe, übernimmt Schule heute eben ganz viele Aufgaben. Das haben wir jetzt auch gerade bei unseren Abschlussklassen wieder gemerkt. Was die Schülerinnen und Schüler so über die Jahre hin getragen hat, was sie gehalten hat, was sie motiviert hat, überhaupt auch in die Schule zu gehen und auch am Unterricht teilzunehmen, das ist Vertrauen zu haben zu Lehrerinnen und Lehrern. Da ist man als Lehrerin oder Lehrer auch Vorbild, muss immer ein offenes Ohr oder ein offenes Auge haben und dementsprechend schauen, in wie weit man Schüler mit einbeziehen kann in diese vertrauensvolle Zusammenarbeit.

AW: Was motiviert eigentlich Jugendliche zum Engagement gegen Mobbing und Gewalt untereinander?

MB: Ich denke Schüler verstehen schon auch, dass sie etwas zurückbekommen, wenn sie anderen Hilfe und Nächstenliebe entgegen bringen. Dass es auch Spaß bringen kann, man Freude am Leben oder sogar den Sinn des Lebens darin sehen kann, zu helfen, statt gewaltvoll miteinander umzugehen. Das ist aber eine Erfahrung, die Schüler erst mal machen müssen, miteinander so umzugehen und dann zu sehen, dass es viel sinnvoller ist, sich so zu verhalten, statt den anderen ein Bein zu stellen oder zu schubsen und daraus eine Befriedigung zu ziehen. Das ist immer die Frage, die man sich stellen muss: „Wie möchte ich mit anderen umgehen?" Natürlich wollen wir alle ein bisschen Spaß haben und auch lernen oder austesten, wie man miteinander umgehen kann. Aber die Frage ist eben: „Bin ich gemein und unfair bis hin zur Anwendung von Gewalt im Umgang mit anderen oder sehe ich, dass es doch sehr viel befriedigender ist, wenn man fair miteinander umgeht?“  

AW: Was ist Ihr „Fit in FAIR PLAY“-Tipp für ein gutes Miteinander?

MB: Ich glaube, da sind Schüler und Erwachsene gar nicht so weit voneinander entfernt. Ich denke ehrlich miteinander umzugehen und respektvoll gegenüber anderen zu sein, ist der beste Tipp. Aber Respekt muss ja auch inhaltlich gefüllt sein, gelernt und erfahren werden innerhalb des Klassenverbandes oder der Schule. D.h., wenn Gemeinheiten auftreten, muss man Schülern auch die Chance geben, es zu reflektieren und fragen „hier, jetzt überleg doch mal, wie kannst Du Dich auch anders verhalten?“. Ich glaube, dass braucht einfach manchmal auch Zeit und es braucht Führung sowie Vertrauen untereinander. Aber das kann im Klassenzimmer und zwischen Lehrern und Schülern und auch zwischen Schülern untereinander hergestellt werden. Das ist möglich, durch kooperatives Verhalten, durch soziales Verhalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das funktioniert. Das Schüler dazulernen und sie dann auch andere Wege gehen.

AW: Ihre rückblickende Erfahrung zum Malteser Schulwettbewerb „Fit in FAIR PLAY“

MB: Ich glaube, das war das Größte, was diese Schule je miterlebt hat. Mit 200 Schülerinnen und Schülern ins Stadion zu gehen, zum Eishockey, in Begleitung des damaligen Erzbischofs, Dr. Werner Thiessen. Auch das hat Gemeinschaft geschaffen. Wir haben ja selbst die Grundschüler mitgenommen, die fragen heute noch danach. Und Interviews führen zu dürfen mit den Eishockey-Spielern, zu gucken, wie verletzt diese waren, wenn einige nicht fair gespielt haben. Auf der einen Seite die Wunden zu sehen, die sie nach dem Spiel hatten, auf der anderen Seite aber auch zu sehen, wie Spieler sich bewusst für Fair Play einsetzen. Also das war eine ganz große Sache. Dazu dann auch noch die Projekte, die daraus hervorgegangen sind. Besonders in Kooperation mit dem Malteser Hilfsdienst hier in Hamburg, der Ausbau des Schülersanitätsdienst. Der nimmt unter den Schülern schon einen ganz schönen Stellenwert ein. Und das Projekt „Balu und Du“ sowie der „Malteser Social Day“. Ich finde das ist eine ganz ganz tolle Sache gewesen. Ein Jahr nach dem Wettbewerb habe ich außerdem gemeinsam mit einer Kollegin eine Fortbildung bei Dr. Böhm besucht und danach intern unsere Kollegen geschult. Im nächsten Jahr möchte sich eine Kollegin, die wir damals mit fortgebildet haben, mit ihrer 6. Klasse besonders im Thema „Anti-Mobbing“ engagieren. Wir haben zum Beispiel auch sehr positive Erfahrungen gemacht mit dem Anti-Mobbing-Koffer von Dr. Böhm. Wir haben fünf Stück erhalten, die auch an unserer Schule zum Einsatz kommen. Wir haben auch einen Schüler, der an seiner alten Schule sieben Jahre lang Mobbing erfahren hat und für den die Mobbing-Prävention an der Domschule ein Grund war, an diese Schule zu wechseln.